9Live – ein Anruf, der nicht lohntIn einem Bericht von Plus-Minus setzte sich schon vor längerer Zeit die Redaktion mit dem Sender 9Live auseinander und stellte heraus, dass sich Deutschlands erster Quizsender nicht immer an die Regeln hält.


Das musste auch eine ältere Dame feststellen, nachdem sie 300 Anrufe zu jeweils 50 Cent aus dem deutschen Festnetz bei 9Live tätige und innerhalb von vier Wochen eine Telefonrechnung von 3100 Euro erhielt. Der Moderator scheint besorgt, versucht jedoch mit allen Mitteln die Zuschauer zum Anrufen zu bewegen.

Im ersten Moment scheinen die bei 9Live gestellten Rätsel einfach, doch die Spielregeln sind unklar und eine richtige Lösung ist oftmals Zufall. So erging es auch dem leidenschaftlichen Rätselfan Paul Trost als er sich entschied an einem Rechenspiel, gestellt von 9Live, teilzunehmen. Nachdem er die Lösung nicht ergründen konnte, wartete er die Auflösung ab – logisch erscheint ihm diese jedoch nicht, denn auch römische Zahlen und versteckte Zahlwörter durch Rückwärtslesen scheinen für die Lösung in Betracht zu kommen.

Ein Zahlenrätsel vom 13.08.2004 unter der Spielanweisung „Zählen Sie alle Buchstaben“ konnte nicht durch das einfache Zählen der Buchstaben gelöst werden, sondern musste zusätzlich mithilfe der Multiplikation und dem Erkennen römischer Zahlen errechnet werden. Eine Stellungnahme von 9Live hierzu lautete: „Dazu gehört auch die Geschicklichkeit beim Lösen und beim Finden des Lösungsweges unter Beweis zu stellen.“

Aufgrund der vielen Beschwerden steht 9Live unter der Aufsicht der bayrischen Medienzentrale. Martin Gebrande, Geschäftsführer der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, bestätigt die Legalität des Quizsenders, da vom Zuschauer zu erwarten wäre, dass dieser sich die Spiele vorab anschaut und selbst über seinen Anruf entscheide. Anschließend sei es möglich solche Spiele nach den Spiel-Vorschriften von 9Live zu lösen.

Das betrügerische Konzept des ersten deutschen Quizsenders veranlasste Plus-Minus erneut über 9Live zu berichten. Der Anreiz und die Aufforderung mehrfach anrufen, verstoßen gegen die geltenden Mediengesetze in denen es klar heißt: „Die Aufforderung zum Mitmachen darf keinen besonderen Anreiz zu wiederholtem Anrufen enthalten.“ Weiterhin heißt es in den Mediengründsätzen: „Der Aufbau von nicht vorhandenem Zeitdruck ist unzulässig.“ Das häufige Einblenden von Countdowns und der aktuellen Zeit geben den Zuschauen das Gefühl, sie müssten jetzt anrufen, um sich ihre Gewinnchance zu sichern. Der Zufallsgenerator, der sogenannte „Hot-Button“, sucht sich einen zufälligen Zeitpunkt, in welchem er einen Anrufer durchstellt –nicht bei 9Live. Erstmals stellen sich ehemalige Mitarbeiter, die vor der Kamera nicht erkannt werden wollen und berichten, dass der vermeintlich zufällige Moment allein vom Redakteur selbst abhinge. Solange hohe Anruferzahlen bestehen, stelle die Redaktion Niemanden durch. Erst, wenn die Zuschauer das Interesse am Anrufen verlieren, sei es möglich durchgestellt zu werden.

Die Medienwächter scheinen machtlos: „Im Moment ist alles im Modus der Verabredung“, berichtete Professor Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Allein die Staatsanwaltschaft könne hier durchgreifen, sofern die Vorwürfe der ehemaligen 9Live-Redakteurin stimmen. Laut deren Aussagen setzte 9Live auch fingierte Anrufe ein, um die Anrufer erneut zum Hörer zu bewegen. Der Moderator suggeriert den Zuschauern, der vermeintliche Anrufer hätte wohl aufgelegt, obwohl Niemand durchgestellte wurde.

Vorerst wird 9Live weiter bestehen und die Zuschauer müssen selbst entscheiden, ob sie sich betrügen lassen oder lieber die Finger von den Telefontasten lassen.

Foto: 9Live.de